Bücklepark Konstanz: fruchtbarer Boden für farm

Die Nachnutzung ehemaliger Fabriksgelände ist nicht nur nachhaltig, sondern birgt viel Raum für Kreativität und Weiterentwicklung. Wie im ehemaligen Siemens-Areal, das im Herzen von Konstanz liegt und sich seit 2017 Schritt für Schritt von der Industriebrache zum modernen Quartier zum Leben, Arbeiten und Forschen mausert. Im ersten komplett revitalisierten Bestandsgebäude befindet sich farm – Dreh- und Angelpunkt der Konstanzer Gründungsszene, innovativer Hotspot und Nährboden für kreative Jungunternehmen. farm und vier der Start-ups im Portrait.

eingangsbereich-bücklepark-farm © hanse knödler fotodesign

Der Verein farm – Gründung & Innovation ist erste Anlaufstelle für Jungunternehmer*innen in Konstanz und hat im Bücklepark ein neues, hochmodernes Zuhause gefunden.

Die Dachmarke farm – Gründung & Innovation bringt zusammen, was zusammengehört: junge Unternehmer:innen sowie Organisationen, die sie in ihrer Startphase umfassend unterstützen. Dazu gehört auch das Technologiezentrum Konstanz (TZK), das in den 35 Jahren seines Bestehens rund 220 Unternehmen den Start in eine erfolgreiche Zukunft ermöglicht hat. Im Sommer 2021 ist das TZK in den Konstanzer Bücklepark im Stadtteil Petershausen gezogen, seitdem wird es von der Stadt Konstanz betrieben. 2016 hatte i+R die rund 70.000 Quadratmeter große Liegenschaft der ehemaligen Siemens-Fabrik erworben. Als erstes von insgesamt fünf Bestandsbauten wurde das Haus „Start-up“ – der neue Sitz von farm – zwischen Oktober 2019 und Juni 2021 rundum erneuert.

Moderne Räumlichkeiten
Auf vier Geschossen stehen den „farmern“ siebzig Büros, elf Werkstätten und Lagerräume zur Verfügung. Rund die Hälfte ist bereits belegt. „Meist sind es junge Leute, die im Wohnzimmer oder in der Garage mit einer Idee angefangen und dann ein eigenes Büro gebraucht haben. Wir haben alles, von Einzelkämpfern bis zu Teams mit 15 Leuten“, informiert Leiterin Christina Groll. Der Bau besticht durch einen Top-Standard – „vor allem durch Glasfaser-Internet“, so Groll. Rund die Hälfte der Mieterinnen und Mieter ist in der IT-Branche tätig. „Wir sind grundsätzlich allen innovativen Geschäftsmodellen gegenüber offen. Doch unser Schwerpunkt liegt in der Technologie und in wissensintensiven Dienstleistungen.“

Innovatives Umfeld
Ein großes Plus ist auch das Umfeld. „Unter einem Dach konzentriert sich alles, was Gründerinnen und Gründer brauchen: das Gründungsnetzwerk, das Innovationslabor Hochrhein-Bodensee – voraussichtlich ab Herbst 2022 – und der Verein TZK, der sich um Vernetzung und Bildung kümmert“, sagt Christina Groll. Zum Gründungsnetzwerk gehören beispielsweise die zwei Wirtschaftskammern, die beiden Konstanzer Hochschulen, Branchen-Netzwerke wie cyberLAGO, BioLAGO und solarLAGO, das Start-up-Netzwerk Bodensee und private Initiativen. Nachbarn im Bücklepark sind zudem das Max-Planck-Institut, das erfolgreiche IT-Unternehmen COMBIT, die Internationale Bodenseekonferenz (IBK) und die Wirtschaftsförderung der Stadt Konstanz. Alles in allem eine gute Mischung aus Neuen und Etablierten, die offen sind für Austausch und Vernetzung.

christina-groll-leiterin-tzk-farm-konstanz © hanse knödler fotodesign

Christina Groll

farm Gründung & Innovation

„Unter einem Dach konzentriert sich alles, was Gründerinnen und Gründer brauchen: das Gründungsnetzwerk, das Innovationslabor Hochrhein-Bodensee – voraussichtlich ab Herbst 2022 – und der Verein TZK, der sich um Vernetzung und Bildung kümmert.“

Starthilfe in die Selbstständigkeit
Den Start in die berufliche Zukunft erleichtert eine günstige Miete. „Am Anfang tut jeder Euro weh“, weiß Groll. „Deshalb fördert die Stadt bis zu 6,50 Euro pro Quadratmeter herunter.“ Das Mietverhältnis dauert so lange wie der Jungunternehmer-Status: maximal 5 Jahre. „Wir bieten ihnen aber nicht nur Raum. Wir geben Orientierung, helfen bei Businessplänen und Kontakten, beraten fachlich, bei Rechts- oder Steuerfragen. Bevor sie ausziehen, setzen wir uns zusammen und schmieden einen Plan, wie und wo es weitergeht“, schildert Groll. „Als Stadt haben wir natürlich Interesse daran, dass die Firmen sich hier ansiedeln. Einige wollen auf dem Areal bleiben. Und wir wollen sie dem farm-Ökosystem erhalten. Dazu nutzen wir den guten Kontakt zu i+R und zur Hausverwaltung.

Beste Ausstattung
Die modern ausgestatteten Werkstätten sind für die farm-Leiterin „ein weiterer USP des Hauses“. Interessant sind sie etwa für Start-ups im Lebensmittelbereich, die hohe Auflagen erfüllen müssen. Sie verfügen über Waschbecken mit Warmwasseranschluss und flüssigkeitsabweisende Wände. Alle Räume sind über schallgedämpfte Türen verbunden, die Erweiterungen schnell und unkompliziert ermöglichen. Antistatische und rutschfeste Böden, Starkstromanschluss, Not-Aus-Schalter, Sichtfenster und breite Türen für Transporte sind weitere Pluspunkte für produzierende Gewerbe. Auf jedem Stockwerk gibt es Teeküchen mit eigenem Kühlschrank und Spülmaschine. Die große Gemeinschaftsküche, ein geräumiger Besprechungsraum sowie eine Aufenthaltsfläche mit Tribüne können von allen farm-Bewohnerinnen und -Bewohner mitgenutzt werden. Die flexible und hochwertige Ausstattung der hohen, hellen Räume schätzen sie.

Jungunternehmer jedes Alters

Einer von ihnen ist Thomas Pilger, Jahrgang 1963. An einer Wand seines Büros hängen Gitarren, in der Ecke steht eine Kaffeemaschine. „Man kann es sich einrichten, wie man es braucht“, sagt er begeistert. Die Beschreibung passt auch zum Geschäftsmodell seiner Firma tp Bildungsmedien: Der Berufspädagoge kreiert Räume, genauer virtuelle Lernräume. Für eine Ausbildungshalle von Daimler entwickelt Thomas Pilger Lernmedien. Diese vermitteln jungen Fachleuten die Anwendung verschiedener Maschinen, bevor es in die Umsetzung geht.

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Thomas Pilger

tp bildungsmedien

„Bei mir läuft alles digital, deshalb ist der schnelle Internetzugang wichtig.“

Im Büro, seinem „Showroom“, macht er sie im 360-Grad-Modus mittels VR-Brille virtuell sichtbar. „Bei mir läuft alles digital, deshalb ist der schnelle Internetzugang wichtig“, erklärt Pilger, der auch Lernvideos für den Klett-Verlag produziert. Dazu tragen Schauspielerinnen und Schauspieler Lerninhalte vor dem Greenscreen vor, am Ende eingebettet in ansprechende virtuelle Räume. Zu seinen Partnern gehören das Improtheater Konstanz, Fotografen u. v. m. Kunden habe er derzeit zwar wenige, aber treue, sagt Pilger und verrät: „In den vergangenen Jahren sind auch viele eigene Produkte entstanden, für die ich Vertriebspartner suche. Zum Beispiel Firmen, die Mitarbeiter verschiedener Standorte schulen wollen. Dafür kann man virtuelle Räume schaffen, um Infos gut und zentral zu vermitteln.“

Greifbarer Erfolg

In greifbaren, realen Räumen bewegt sich Philipp Ruf. Der 32-jährige Gründer von Polytalon ist nicht nur selbst begeisterter Kletterer. Gemeinsam mit zwei Kollegen entwickelt der gelernte Maschinenbauer Griffe für Kletterwände. „Die nutzen sich schnell ab, was aber weniger am Material, sondern mehr an der Herstellung liegt. Da steckt viel Potenzial drin“, erzählt Ruf. Seit 2018 tüfteln er und sein Team an einer Gusstechnik, die Ressourcen spart, teilautomatisch abläuft und beständigere Produkte hervorbringt. Mit Erfolg: „Mit unserer neuen Gussform können wir derzeit tausend Griffe pro Monat herstellen“, sagt Ruf. Produziert wird extern, im farm-Büro sitzt die Entwicklung. „Die Infrastruktur ist super mit dem schnellen Internet und Kontakt zu anderen Firmen. Gerade am Anfang, als wegen Corona alle Kletterhallen geschlossen hatten, war das TZK elementar wichtig für uns als Firma, die auch noch keine Umsätze macht. Die Finanzierung, der Erfahrungsaustausch mit Gründungsteams wie sklls und anderen Firmen waren superhilfreich“, erzählt der Polytalon-Chef. Bereits seit zwei Jahren sind die Klettergriffe des jungen Unternehmens auf dem Markt, das Vertriebsnetzwerk agiert mittlerweile weltweit.

Philipp Ruf (Mitte), Mitgründer von Polytalon, tüftelt mit seinen Kollegen an der perfekten Gussform für Klettergriffe. Der Erfahrungsaustausch unter den Gründerinnen und Gründern war und ist in seinen Augen sehr hilfreich.

Gründer unterstützt Gründer

Beste Aussichten genießt auch Simon Rock – beruflich wie räumlich: Sein helles Büro liegt im dritten Stock, Südlage, mit Blick übers Gelände und darüber hinaus. Den Weitblick hatte er vorher schon: Nach dem Studium für International Business lebte Simon Rock in London, Barcelona und Mexiko, bevor er ein Sportmanagement-Studium in St. Gallen anhängte und sich mit seiner Firma Rock Invest selbstständig machte. „Ich gründe und investiere in kleine Unternehmen“, beschreibt der 38-jährige sein Tätigkeitsfeld, mit dem er selbst noch zu den Start-ups zählt. Das Capsule Hotel hat er gemeinsam mit einem Jugendfreund entwickelt – ein spezieller Campinganhänger, der als mobile Unterkunft, Praxis, Friseurgeschäft, Foodtruck, Poststelle und vieles andere funktioniert. „Er war auch schon auf einer Hochzeit, wo Paare übernachtet haben“, erklärt Simon Rock. Yachting Bodensee, Camper Bodensee und andere Start-ups aus der Tourismusbranche zählen zu seinen Kunden. Im Bereich Coaching und Persönlichkeitsentwicklung baut er ein weiteres Standbein auf. Simon Rock arbeitet für die Projekte mit Freiberuflern zusammen, das Büro nutzt er jedoch allein.

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Simon Rock

Rock Invest

„Cool ist hier die Vernetzung. Man kann Unternehmen kennenlernen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen und sich austauschen. Und die Räumlichkeiten sind schön und bezahlbar.“

Raum für Kreativität

Erdgeschoss, rund 30 Quadratmeter voller Kreativität: In einer der Werkstätten baut sich Annika Werdermann ihre berufliche Zukunft auf. Edle Handtaschen, Beutel und Rucksäcke sowie hochwertige Gürtel und Geldbörsen säumen den Raum. Im Regal stapeln sich weitere Stücke, die die studierte Modedesignerin aus nachhaltigem Leder und Restbeständen von Hand fertigt. Fünf Nähmaschinen direkt am Fenster, viel Grün und klassische Musik machen den neuen, überhohen Raum zum heimeligen Atelier. „Hier kann ich gut arbeiten. Die Raumhöhe ist gut zum Lagern, die Heizung funktioniert, das Internet auch. Im alten Gebäude habe ich das Passwort der Nachbarn bekommen“, sagt sie lachend. Das schnelle Internet braucht sie, um ihren Online-Shop laufend zu aktualisieren. Als Einzelkämpferin schätzt sie das Soziale, ein Kaffeetermin zu Mittag war ihre Idee. „Der Austausch ist gut, weil alle das Gleiche durchgemacht haben.“ Der eigene Raum sei aber wichtig: „Ich arbeite abends gerne bis open end.“ Ihre Kunden gewinnt sie über die sozialen Medien, die Website. Dieses Jahr präsentiert sie ihre Erzeugnisse erstmals auf der Blickfang-Messe in Stuttgart, Einzelhandelspartner sucht sie noch. Neben Leder verarbeitet Annika Werdermann auch Textilien. So nähte sie zum Beispiel Abdeckungen für Flughafen-Scanner. „Ich kann alles selber machen, alles testen, mache die Fotos für die Website, das Marketing, das Kreative, die Produktion, den Vertrieb. Die Abwechslung ist gut, die habe ich mit der Selbstständigkeit angestrebt“, betont die Designerin.

Das Umfeld der Jungunternehmen wird sich in den nächsten Jahren von der Industriebrache in ein lebendiges vielseitiges Quartier verwandeln: Auf der rund 70.000 Quadratmeter großen Liegenschaft realisiert i+R weitere Büros, rund 600 Wohnungen, eine Kindertagesstätte, Flächen für Einzelhandel, Dienstleistungen, Kulturbetrieb, Gastronomie sowie Freiflächen mit großzügigen Grünräumen. Die zentrale Lage zwischen Bücklestraße, Oberlohnstraße und Bahnlinie bietet eine hervorragende Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz. In Summe ein guter Boden für regen Austausch und Weiterentwicklung mitten in der Bodenseestadt.

Factbox

Quartiersentwicklung Bücklepark 1 – 5, Konstanz

  • Projektentwicklung: i+R Wohnbau Lindau GmbH
  • Fläche: ca. 70.000 m²
  • Architektur: ARGE Gohm | Hiessberger und Innauer | Matt
  • Lage: zwischen Bücklestraße, Oberlohnstraße und Bahnlinie
  • Nutzung: Wohnen, Büros, Einzelhandel, Dienstleistungen, Technologie, Kultur, Gastronomie, Kindertagesstätte, Freiflächen mit Grünräumen
 

Bestandsgebäude „Start-up“

  • Generalunternehmer beim Umbau: i+R Bestandsbau GmbH
  • Erbaut in den 1950er- und 1960er-Jahren in Beton-Fertigteil-Bauweise
  • 4 Geschosse, 2 großzügige Stiegenhäuser
  • Ehemaliges zweites Verwaltungsgebäude des Siemens-Areals für Büros, Marketing, Forschung und Entwicklung
  • Direkte Verbindung zur denkmalgeschützten Sheddachhalle (frühere Montagehalle für Telefon-Großanlagen der Firma Siemens)
  • Bauzeit für die gesamte Sanierung von Oktober 2019 bis Juni 2021
  • 4.500 m² Nutzfläche, 1.000 m² Fensterfläche, 3.500 m² Fassadenfläche
  • 70 Büros, 11 Werkstätten, Lagerräume im Keller
  • Investitionsvolumen: rund 6 Millionen Euro
  • Mieter: farm Technologiezentrum der Stadt Konstanz