Ein Leuchtturm mit überregionaler Strahlkraft

Wem es gelingt, Wissenschaft und Wirtschaft in einen fruchtbaren Austausch zu bringen, hat im Standortwettbewerb die Nase vorn. Dazu braucht es geeignete Orte. Die Bodenseeregion hat mit dem RITZ (Regionales Innovations- und Technologietransferzentrum) in Friedrichshafen so einen bekommen. Nach gewonnener europaweiter Ausschreibung hat i+R Industrie- & Gewerbebau den Neubau als Totalunternehmer umgesetzt.

RITZ | Friedrichshafen (D) © Dietmar Walser

Die Aufgabenstellung

Im RITZ sollen Digitalisierung und Mobilität der Zukunft auf den Weg gebracht werden. Das Motto lautet „the idea is not enough“. Also nicht bloß ein Think-Tank, sondern ein Ort, an dem die Ideen abheben. Träger sind zu gleichen Teilen die Stadt Friedrichshafen und der Landkreis Bodenseekreis. Die Nachbarschaft am Campus Fallenbrunnen ist erlesen: Zeppelin-Universität, Swiss International School und Campus der Dualen Hochschule.

Die Herausforderung

Welche Wege Innovationen gehen, lässt sich schwer vorhersehen. Daher benötigt das RITZ flexible Raumstrukturen: Von kleinen Rückzugsorten bis zu großen Labors soll alles Platz finden, was während des Prozesses zuträglich ist. Wer eine zündende Idee hat, soll den 3D-Drucker gleich zur Hand haben, damit sie Gestalt annimmt. Außerdem treffen verschiedenste Akteure aufeinander, von hippen Start-ups über solide Mittelständler und honorige Wissenschaftsinstitutionen bis zu Spin-offs großer Konzerne. Damit sie gemeinsam ins Tun kommen, braucht es ein inspirierendes, kooperatives und lebendiges Umfeld.

Die Lösung

Das RITZ gliedert sich in zwei Stockwerke, die über vertikale Einschnitte verbunden sind und spannende Blickbezüge zwischen den Nutzungseinheiten ermöglichen. Die gläserne Fassade lässt viel natürliches Licht in die hohen Räume und schafft so eine positive Atmosphäre. Eine ausgeklügelte Raster-Struktur und mobile Trennwände ermöglichen eine hohe Nutzungsflexibilität.

Im Erdgeschoss finden sich neben der Cafeteria die Labor- und Werkstattbereiche zu den Themen Industrie 4.0, Robotik, elektromagnetische Verträglichkeit und autonomes Fahren. Der Showroom dient als Fenster zum RITZ und im benachbarten Veranstaltungsraum haben bis zu 400 Gäste Platz. Duschen ermöglichen eine nachhaltige Anreise mit dem Rad. Die Bereiche haben eigene Zugänge über die Arkaden. Durch Glaselemente ist es möglich, das Treiben in der Lernfabrik und dem Maker Space zu beobachten.

Im Obergeschoss befinden sich Büro-, Besprechungs- und Gemeinschaftsräume als Plattform für den branchenübergreifenden Wissensaustausch. Eine Loggia verbindet Innen und Außen. Trotz Großzügigkeit und Transparenz wurde großen Wert auf den Schallschutz gelegt, um konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen. Es gibt auch Rückzugsorte, um in Ruhe konzeptionell zu arbeiten oder zu telefonieren. Freelancern und Start-ups steht ein Co-Workingspace zur Verfügung.

Die Sicht des Architekten

Für das Totalunternehmer-Projekt RITZ konnte i+R das renommierte Architekturbüro Baumschlager Hutter Partners gewinnen. Für Carlo Baumschlager „eine spannende Aufgabe, weil ich sehr viel von der Idee halte, dass eine Institution jungen Leuten, die in den Bereichen Digitalisierung und Mobilität durchstarten wollen, Raum zur Verfügung stellt. Nämlich einen Ort, der nicht fremd ist, wo man technische Möglichkeiten nutzen, erworbenes Wissen einbringen und im Austausch mit Gleichgesinnten Ideen entwickeln kann.“

Zu Beginn des Projektes prüfte das Architekturbüro die Machbarkeit der Wünsche, bezog das Umfeld ein und goss das Raumprogramm in Architektur. Die Idee: „Das Gebäude soll nicht introvertiert wirken, sondern durch seine Transparenz das Prinzip von Kommunikation, Einsicht und Teilhabe in Architektur umsetzen.“ Somit trägt das RITZ nach außen, was innen passiert, etwa durch die umläufige Arkade im Erdgeschoss. Der Entwurf eröffnet sogar komplette Durchblicke und bringt Licht in alle Bereiche. Das obere Geschoss ist sehr flexibel in der Nutzung: „Ein Innovationszentrum muss reagieren können“, bringt es der Architekt auf den Punkt. Auch hier lässt die Glasfassade Ein- und Ausblicke zu und Licht durch. Für Carlo Baumschlager „das Gegenteil eines Elfenbeinturms.“

Das ganze Gebäude ist auf Kommunikation ausgelegt. Die Arbeit findet „an der Fassade, am Licht, am Ausblick“ statt. Der Rückzug in eine andere Welt erfolgt beim Arbeiten am Computer, im Netz. Für diesen Rückzug bietet das RITZ räumliche „Denkzellen“. „Im Grunde ist das Gebäude wie ein Regal, in das man Arbeit hineinschiebt“, sagt Baumschlager. Für ihn sind die Lichtführungen die Essenz des Entwurfs: „Der Raumfluss wird durch das Licht bestimmt.“ Ermöglicht wird das etwa durch drei große Öffnungen im Dach, die bis ins Erdgeschoss erhellen und so auch die Ebenen miteinander verbinden. „Das Licht ermöglicht maximale Transparenz und maximale Aufenthaltsqualität an jeder Stelle des Gebäudes“, so Baumschlager.

Positiv hebt er die Bereitschaft von Bauherr und Bauträger hervor, sich auf die architektonischen Ideen einzulassen: „Wir konnten uns zu Beginn auf ein Bild zum Gebäude einigen, das uns wie ein roter Faden begleitet hat. Die Bereitschaft, im Gespräch zu diesem gemeinsamen Verständnis zu gelangen, ist außergewöhnlich“, lobt Baumschlager seine Auftraggeber. Getragen von wechselseitigem Vertrauen „war eine Umsetzung möglich, die auf den ersten Blick für eine solche Institution unkonventionell erscheinen mag.“ Gerade das macht den Reiz und den Mehrwert des RITZ aus.

Carlo Baumschlager © Ludwig Rusch
„Wir konnten uns zu Beginn auf ein Bild zum Gebäude einigen, das uns wie ein roter Faden begleitet hat. Die Bereitschaft, im Gespräch zu diesem gemeinsamen Verständnis zu gelangen, ist außergewöhnlich“

Die Sicht des Bauherrn

Auch der Bauherr ist mit dem Ergebnis äußerst zufrieden: „Wir sind stolz, quasi im ersten Haus am Platz zu residieren“, freut sich RITZ-Geschäftsführer Marian Duram in Hinblick auf die exponierte Verortung im Wissensquartier Fallenbrunnen und die architektonische Qualität des Gebäudes. Wichtig war vor allem, den sportlichen Zeitplan einzuhalten. „Das Projekt wurde vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und vom Land Baden-Württemberg mit insgesamt 7 Millionen Euro gefördert und daher mussten wir pünktlich Ende 2020 mit den Bauaktivitäten fertig sein“, sagt Duram. „Das konnte nur klappen, weil alle Beteiligten auf Augenhöhe und stets transparent und lösungsorientiert zusammengearbeitet haben.“ So führte auch die Corona-Pandemie nicht zu Verzögerungen, weil die Projektleitung auf mögliche Schwierigkeiten wie etwa Materialengpässe rechtzeitig reagierte.

Das RITZ-Gebäude erleichtert sogar in Teilen die Akquise von Mietern: „Wenn die Unternehmer die offene, transparente Architektur mit allen Sinnen wahrnehmen, ist praktisch schon die Hälfte unserer Strategie erfolgreich vermittelt“, bemerkt Marian Duram schmunzelnd. Im RITZ dreht sich vieles um die Vernetzung der Akteure sowie den Know-how-Transfer und genau darauf zahlt die Gebäudestruktur zu 100 Prozent ein. Die hohen, mit viel Tageslicht durchfluteten Räume und die flexible Struktur des Gebäudes finden großen Anklang: „Wir haben von den bisherigen Nutzern sehr positives Feedback über die Qualität des Arbeitsumfeldes und der Arbeitsplätze erhalten. Zudem werden der Open Space und die Kommunikationsbereiche im Gebäude schon jetzt, unter Einhaltung der bestehenden Corona-Regeln, zum Erfahrungsaustausch genutzt. “, berichtet Duram. Trotz der Restriktionen durch Corona ist bereits die Hälfte der Flächen vermietet, wenn zum Start auch noch einige vom Homeoffice aus arbeiten müssen.

Der RITZ-Geschäftsführer freut sich schon darauf, wenn es richtig losgeht. „Mit dem Projekt ALFRIED, das der RITZ-Ankermieter IWT Wirtschaft und Technik GmbH koordiniert, hat zu Jahresbeginn das erste große Vorhaben gestartet, das bei uns seine Home Base hat“, freut er sich. Im Rahmen des 18-Millionen-Euro-Projekts beschäftigen sich während der nächsten zweieinhalb Jahre elf Forschungs- und Industriepartner mit automatisiertem und vernetztem Fahren in der Logistik. „Mit unseren innovativen Mietern, den Laboren, Präsentations- und Besprechungsräumen bieten wir ideale Voraussetzungen, um solchen und ähnlichen Initiativen eine bestmögliche Plattform für das Gelingen der jeweiligen Innovationsvorhaben zu bieten“, ist Marian Duram überzeugt.

Marian Duram © RITZ Regionales Innovations- und Technologietransferzentrum
„Wir haben von den bisherigen Nutzern sehr positives Feedback über die Qualität des Arbeitsumfeldes und der Arbeitsplätze erhalten. Zudem werden der Open Space und die Kommunikationsbereiche im Gebäude schon jetzt, unter Einhaltung der bestehenden Corona-Regeln, zum Erfahrungsaustausch genutzt.“

Factbox zum Projekt RITZ, Friedrichshafen (DE)

  • Auftraggeber: RITZ Regionales Innovations- und Technologietransfer Zentrum GmbH, Friedrichshafen
  • Totalunternehmer: i+RB Industrie- & Gewerbebau GmbH, Konstanz
  • Entwurfs- und Ausführungsplanung: Baumschlager Hutter Partners, Dornbirn
  • Bauzeit: Juli 2019 – Dezember 2020
  • Gesamtinvestition: 15,5 Mio. €, gefördert vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und vom Land Baden-Württemberg
  • Nutzfläche: 4.110 m² 
  • Umbauter Raum: 27.710 m³

Außenaufnahmen

Eingangsbereich, Stiegenaufgang

Büro- und Aufenthaltsbereiche

Labor- und Werkstattbereich

Veranstaltungs- und Besprechungsräume

Terrasse